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Die Freunde Pasquale und Giuseppe schlagen sich unmittelbar nach Kriegsende als Schuhputzer durch. Ihr gemeinsamer Traum ist der Besitz eines Pferdes, nur knapp 5000 Lire fehlen ihnen noch. Attilo, der ältere Bruder von Giuseppe, ermöglicht ihnen einen schnellen Weg zum Geld, mit fatalen Konsequenzen. Die Jungen landen in Untersuchungshaft und erleben dort, wie wenig sich das befreite Land von seinen alten Methoden bisher lösen konnte.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Mit Schuhputzer lieferte Vittorio De Sica (Fahrraddiebe) gerade mal ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges einen zutiefst ehrlichen, in seinen Fakten erschreckend nüchternen, aber in seinen Emotionen dennoch äußerst bewegenden, empathischen und nicht nur filmhistorisch essentiell wichtigen Beitrag zum italienischen Neorealismus ab. Zeigt das Leben, den nackten Überlebenskampf in den Straßen der gebeutelten Hauptstadt aus der Perspektive zweier minderjähriger Jungen, der stellvertretend ist für der Großteil einer verarmten Bevölkerung. Die Erlösung von Mussolini, sie verlangte einen hohen Preis. Ähnlich wie von den Deutschen. Ein Land, das sein gesamtes Wohl und Wehe in die Hände eines totalitären Führers gelegt hatte, seinen radikalen Vorstellungen blind folgte und nun vor den Trümmern der eigenen Unselbstständigkeit sich einer Verantwortung stellen muss, der sie kaum gewachsen sein kann. Aber nun keine Ausflüchte mehr wählen kann. Harte Zeiten, die – und darin ändert kein Systemumschwung der Welt etwas – immer zuerst auf den Rücken derer ausgetragen werden, die sich nicht wehren können und in der Regel rein gar nichts mit diesem Zustand zu tun haben.

Eine Kindheit ohne Kind sein zu dürfen. Für Pasquale und Giuseppe existiert dieser Begriff eigentlich nicht, sie sind bereits jetzt in voller Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für ihre Angehörigen. Wenn sie denn noch welche haben. Während Pasquale als Vollwaise nur noch in einem Fahrstuhl „wohnt“, versorgt Giuseppe mit seinem Einkommen als Schuhputzer – bevorzugt für die MPs der Besatzungsmacht – seine Mutter. Sollte es nicht umgekehrt sein? Natürlich, aber wenn sich in einem brachliegenden Italien wenigstens etwas Geld verdienen lässt, dann nur über diese eine Stückweit erniedrigenden „Bettel“-Arbeiten, bei denen man angewiesen ist auf die Großzügigkeit derjenigen, denen es noch besser geht. Oder eben sein Glück auf der schiefen Bahn sucht. Aus kindlicher Naivität lassen sich die Jungs dafür instrumentalisieren und landen als Sündenböcke in Untersuchungshaft. Unter menschenunwürdigen – und erst recht kinderunwürdigen – Bedingungen eingepfercht, wie es selbst für Schwerstkriminelle nicht vertretbar wäre. Weit entfernt von sozialer oder justizieller Gerechtigkeit, aber so weit hat der Entwicklungsprozess noch nicht stattfinden können.

Am Kopf mag der Fisch wieder sauber sein, nach unten stinkt es noch gewaltig, auch immer noch nach dem fauligen Duft des Faschismus, den man ja angeblich aus dem Land getrieben hatte. Er lässt sich nicht so schnell auslüften, erst recht nicht in den Etagen, die für das neue Italien immer noch nützlich sein können. Im Straf- und „Erziehungsvollzug“, wo vornehmlich ältere Herren tätig sind, die kurz zuvor sicher nicht ihr Geld als Postboten oder Kindergärtner verdient haben. Das sind die selben Menschen, die nun die selben Methoden anwenden. Vielleicht etwas humaner, vielleicht leicht mehr an grobe Vorgaben gebunden, aber die Vorgehensweisen und das Verständnis für Recht und Zweckmäßigkeit, es dürfte nicht wahnsinnig stark variiert haben. Passend dokumentiert in einer Szene, als der Gefängnisdirektor der Fraß inspiziert und sich im reflexmäßig zu einem faschistisch-belegten Gruß hinreißen lässt, bevor er selbst seinen Fehler bemerkt und peinlich-berührt zurückzieht. Die Geister der Vergangenheit, sie sind allgegenwärtig und manifestieren sich in der Überforderung adäquat mit den massiven Folgeproblemen umzugehen, die dieses selbstangerichtete Chaos nun mit sich bringt.

Denunziantentum, Armut, Verzweiflung und Grüppchenbildung, alles ein Resultat aus vorgelebter und nun unfreiwillig wiederholter Geschichte, da die Optionen begrenzt sind. Vittorio De Sica schöpft logische, nachvollziehbare Schlussfolgerungen aus dem ungeordneten Mischmasch von Befreiung und gleichzeitiger Perspektivlosigkeit einer Verlierer-Nation des Zweiten Weltkrieges, die weder die Zeit noch die Möglichkeiten hat sich zu finden. Nur um das blanke Überleben kämpft und nie richtig gereinigt scheint, nur an der Oberfläche grob abgeschrubbt. Während Deutschland wirklich geläutert, erschüttert und bereit für eine Neuausrichtung schien, war Italien damals mit dieser Aufgabe deutlich überforderter. Was Schuhputzer eindringlich und anhand eines „kleinen“ Einzel- bzw. Doppelschicksals sogar als universell anwendbare Metapher verdeutlicht. Eine Anklage gegen die Diskrepanz aus angeblichem Rechtsstaat und noch tief verwurzelter Grausamkeit; der Unfähigkeit der allgegenwärtigen Armut mit echten Perspektiven gegenüber zu treten und letztlich sogar eine fast prophetische Zukunftsprognose für ein Land, das sich bis heute nie von seinem Gift in höchsten Kreisen befreien konnte. Trotzdem bewahrt sich der Film durchgehend seine kindliche, hoffnungsvolle Perspektive…was ihn in seinem Fazit nur umso grausamer und ernüchternder macht.

Fazit

Ein wahrhaft wichtiger, im zeitlichen Kontext unglaublich mutiger und realitätsnaher Film. Der sich nicht nur einiges traut, sondern viel mehr über die analytische Fähigkeiten verfügt, seine Reflektionen, Bestandsaufnahmen und Prognosen im gleichen Maße zu hinterfragen wie zu bestätigen. Ergreifend, emotional, aber im jeden Schritt begründet, logisch und immer mit dem notwendigen Bezug auf das große Ganze. Ein wunderbarer Film, wie auch De Sica’s „Fahrraddiebe“ ein wichtiger Meilenstein des europäischen (direkten Nachkriegs)Kinos. Pflichtübung.

Autor: Jacko Kunze

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