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Inhalt

Der junge Tom aus Montreal fährt aufs Land, um am Begräbnis seines verunglückten Lovers teilzunehmen. Als er beim einsamen Gehöft der Familie eintrifft, stellt er überrascht fest, dass ihn keiner erwartet. Die Mutter Agathe weiß noch nicht einmal, dass ihr Sohn schwul war. Und der ältere Bruder Francis macht ihm blitzschnell mit Nachdruck klar, dass das so bleiben muss. Überrumpelt gibt Tom nach - und lässt sich auf ein seltsames Katz-und-Maus-Spiel mit dem Heißsporn ein, das ihn von Tag zu Tag mehr in seinen Bann zieht...
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

In den letzten Jahren war es ja beinahe schon ein zwanghafter Umstand, dass der Name Xavier Dolan nicht ohne den Anhang 'Wunderkind' auskommen konnte. Sobald einer der Filme des narzisstischen Frankokanadiers besprochen wurde, schossen die Superlativen aus vollen Rohren. Tatsächlich gebührt Dolan das internationale Lob, denn wer imstande ist, eine derartig filmische wie (zwischen-)menschliche Reife an den Tag zu legen, ohne seinen dreißigsten Geburtstag erreicht zu haben, zeigt sich von wahrer Größe. Und wie es sich für einen wahren Künstler nun mal auch geziemt, spaltet Xavier Dolan die Gemüter mit Vorliebe: Desinteressiert an auferlegten wie festgefahrenen Etiketten, bricht er ästhetische Konventionen mit Wonne, was bei vielen Zuschauern in den falschen Hals gerät und griesgrämig kurzerhand als hypertrophes Blendertum abgestraft wird. Dabei ist Xavier Dolan ein Meister der Montage, der es momentan wie kaum ein zweiter seiner Zunft versteht, erlesene Fotografien und einnehmende Musikstücke ineinander verschmelzen zu lassen.

Als Kind renommierter Filmfestspielen ist Xavier Dolan in der Filmwelt längst angekommen, den Status eines Wunderkindes aber hat der junge Mann mit seinem umwerfenden Transgender- und Zeitporträt „Laurence Anyways“ abgelegt: Da werkelt kein aufstrebender Künstler, der womöglich irgendwann mal eine ernstzunehmende Rolle in der Branche spielen darf, sondern ein virtuoser Könner, ein Auteur, der genau weiß, was er da tut – Und damit sicher Unmengen von älterer Kollegen in die Depression und Schaffenskrise stoßen wird. Nachdem ihn zweijährige Arbeit an „Laurence Anyways“ so ausgelaugt hat, wollte Dolan, bevor er sich wieder einem Mammutprojekt widmet, eine Fingerübung vorlegen; ein Projekt, das in wenigen Wochen abgedreht und fertiggestellt wird. Aus dieser 'Fingerübung' sollte „Sag nicht, wer Du bist!“ keimen, der erste Genre-Film, dem sich Dolan angenommen hat. Als Vorlage für seinen Psycho-Thriller diente das Theaterstück von Michel Marc Bouchard, mit dem Dolan schließlich auch gemeinsam das Drehbuch verfasst hat.

Und was soll man sagen? Xavier Dolan ist mal wieder ein fantastischer Film geglückt. Angst und Bange wird einem wirklich, wenn Dolan derartige Kunst wie „Sag nicht, wer Du bist!“ als reine 'Fingerübung' bezeichnet. Die Zeiten, in denen sich er sich im Close-Up selbstinszenierte, sind endgültig vorbei. „Sag nicht, wer Du bist!“ ist minimalistisch, der Theater-Charakter ist allgegenwärtig vernehmbar, all der Pomp, die grellen Farbspiele und extravaganten inszenatorischen Sperenzchen aus seinen früheren Werken sind fort. Stattdessen herrscht in „Sag nicht, wer Du bist!“ in eigentlich jeder Einstellung eine unterschwellige, latente Gefahr, die nur darauf wartet, endlich auszubrechen und alles in sich zu reißen. Waren Filme wie „I Killed My Mother“ und „Laurence Anyways“ vor allem durch ihre starken Hauptakteure geprägt, die sich den gesellschaftlichen Vorschriften verwehrten und aufzeigten, dass es in einem gesunden Kollektiv nun mal nicht nur Schwarz und Weiß geben kann, sondern unendlich viele Graustufen, ist der von Xavier Dolan selbst gespielte Tom in „Sag nicht, wer Du bist!“ quasi die Antithese zu Hubert und Laurence.

Auf der Farm seines verstorbenen Lebensgefährten angekommen, wo er seiner Beerdigung beiwohnen wollte, wird er vom Francis (Pierre-Yves Cardinal), dem Bruder seines Freundes, genötigt, einer Maskerade Folge zu leisten, wusste Mutter Agathe (Lise Roy) doch nichts von der Homosexualität ihres Sohnes. Und auf dem Land ticken die Uhren nun mal etwas anders, was der aus dem kosmopolitischen Großstadt stammende Tom in seiner gedrängten Selbstverleugnung schnell am eigenen Leibe erfährt. Brillant versteht es Dolan, die lodernde Bedrohung permanent auf einer Ebene zuhalten, um sie in kurzen, aber eindringlichen Momenten explodieren zu lassen. Nach und nach hingegen gebiert aus der Angst vor dem Unvorhersehbaren eine gegenseitige Abhängigkeit: Der Konvergenzpunkt im sadomasochistischen Beziehungsgeflecht zwischen Tom und dem vorerst allein über seine Physis definierten Francis. Gerade in der Szene, in der eine Schlägerei zwischen Tom und Francis im Maisfeld zum erotischen Akt erklärt wird, erstrahlt das Motiv des Filmes, wie dem gesamten Schaffen von Xavier Dolan wieder vor den Augen des Zuschauers: Immer geht es irgendwo um den Kampf, das Verweigern, Suchen und das Finden der eigenen Identität.

Der elliptisch konstruierte „Sag nicht, wer Du bist!“ ist dabei sowohl dem Suspense eines Alfred Hitchcocks zugeneigt (allein die Geigen!), als auch der omnipräsenten Düsternis des Film Noir. Im Endeffekt aber scheint Xavier Dolan mit seinem ersten Genre-Werk ein Film geglückt zu sein, der nicht den unreflektierten Fehler begeht, das Ringen mit dem eigenen Ich über die Homosexualität seines Protagonisten herleitet zu wollen. Um sexuelle Orientierungen geht es Dolan hier nicht, dafür ist der Mann ohnehin viel zu wenig an irgendwelchen Kategorisierungen interessiert, auch wenn die heteronormative Denke auf dem Land selbstredend eine Rolle spielt. Vielmehr werden wir zusammen mit dem passiv-gebrechlichen Tom in einen Spirale aus Gewalt und Abhängigkeit gerissen, die sich durch ihre filmische Virtuosität, wie die psychologische Dichte auszeichnet. Da ist es auch keine unnötige Spielerei eines arroganten Jünglings, wenn die schwarzen Balken das Bild wiederholt verengen und den Fokus stringent auf den Moment, auf Gesichter, auf entflammte Emotionen verlegen.

Fazit

Er hat es wieder getan: Der nächste großartige Film von Xavier Dolan. Filmisch so rasiermesserscharf wie die Maisblätter im Herbst, schauspielerisch erneut tadellos und psychologisch wirklich packend, ohne die obsessiven Beziehungen zueinander durchdeklinieren zu wollen. Wunderbar.

Autor: Pascal Reis

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